6 November 2017

Hilfe mein Pferd reisst sich los!

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Lesezeit: 6 Minuten

Was kann ich nun tun? Die Frage wird oft in Foren, auf Facebook und auf diversen Reiterstammtischen diskutiert. Betroffene erhalten alle möglichen und unmöglichen Ratschläge. Nur was funktioniert wirklich? Ich habe mir kürzlich auch diese Frage stellen müssen und möchte die Ergebnisse gerne mit euch teilen.

Finn neigt leider dazu sich loszureißen und das in einer wahnsinnigen Schnelligkeit. Man schaut ihm nur noch überrascht hinterher, wenn es mal wieder passiert ist. Ich kenne nun schon einiges, aber diese Perfektion ist mir neu 😉


Er rennt los, stellt seinen Kopf in die uns abgewandte Richtung, "zupft einmal", schmeißt dann seine Schulter gegen das Seil und kachelt in einer Geschwindigkeit weg, die man nicht erwartet hätte. Dabei nutzt er seinen kurzen Hals und seine Stärke. Er rennt ein paar Meter bis wir losgelassen haben und tut, wozu er Lust hat.
 
Das Losreißen fällt verschiedenen Pferderassen und Charakteren leicht. Besonders gut können es Rassen mit kurzem Hals, wie Haflinger, Norweger oder Kaltbüter. Wenn dazu noch eine gewisse Sturheit und Kraft kommt hat Mensch keine Chance mehr. Bestenfalls lernen sie niemals, dass sie sich losreißen können. Ein gutes Halfterführigkeitstraining als Fohlen wäre optimal. Dennoch gibt es leider immer mal wieder Situationen, in denen man ein losreißen nicht verhindern kann. Manche Pferden lernen sehr schnell, dass sie weg können, wenn sie keine Lust mehr haben. Da reicht es schon, wenn ein solches Tier es mehr als 3 oder 4 Mal geschafft hat. Je öfter ein Pferd es schafft sich loszureißen, desto mehr wird es zur Gewohnheit.
Somit ist es unsere Aufgabe dafür zu sorgen, dass es dem Pferd wenigstens so selten wie möglich gelingt sich loszureißen.
 
An dieser Stelle ist eine Analyse der verschiedenen Situationen unumgänglich. Aus welchem Grund reißt sich das Pferd los? Ist es Respektlosigkeit, Unwille, Langeweile, Angst, Schmerzen, Unterforderung oder Überforderung? Hier ist dann unsere Kreativität gefragt in den einzelnen Situationen das Losreißen zu unterbinden. Dafür kann man sich einiger Ideen und Tricks bedienen, die in den einzelnen Situationen erfolgreich sind.
 
Damit das Verhältnis zu dem Pferd jedoch auf Dauer auf gegenseitigem (!) Vertrauen und Respekt basiert sollte man sich und seinem Pferd eine gute Basisausbildung gönnen. Für mich bietet sich hier der Weg des Horsemanships als eine ganz tolle Grundlage an.
 
Ich möchte hier konkret am Beispiel Finn ein paar Maßnahmen und Ideen vorstellen.
Finn ist momentan 3 Jahre alt und im Flegelalter 😉 Er hat ein gutes "Fohlen ABC" und kennt schon einige Übungen darüber hinaus. Bei seiner neuen Besitzerin hat er außerdem bisher keine schlechten Erfahrungen gemacht.
Von Haus aus ist er ein "Left Brain Extrovert", wie Parelli sagen würde. Man kann seinen Charakter als Frech, Schlau, Dominant, Fordernd, Selbstständig und Eigensinnig bezeichnen. Besonders, wenn er eine Weile nicht gearbeitet wurde hat man ein Energiebündel vor sich, das nur Blödsinn im Kopf hat. Ihm kann es dann nicht schnell genug gehen, z.B. auf die Weide oder zu seiner Freundin zu kommen.
 
In unruhigen Situationen kann er manchmal nicht an sich halten und muss seine Energie loswerden, das zeigt sich dann im losreißen.
 
Außerdem ist er ein Pferd - und auch noch ein Kaltblut - also ein doppelt Energiesparer. Das zeigt sich vor allem beim Longieren, wenn er keine Lust mehr hat oder es anstrengend wird neigt er dazu das Weite zu suchen.

Also was tun? Hier ein paar Idee:
Zuerst einmal krempelt man die Losreißsituationen um, so dass es praktisch unmöglich wird damit durchzukommen. Diese Maßnahmen habe ich ergriffen.


  • Beim Führen muss er sich das vorwärts laufen verdienen, wenn er "den Blick" drauf hat kann es schon vorkommen, dass er den ganzen Weg von der Weide herunter rückwärts laufen darf.
  • Finn möchte Beschäftigung, er mag Lob und aus irgend einem Grund schaut er immer aus der Wäsche wie sieben Tage Regenwetter, wenn er geführt wird. Oftmals hat er sich schon auf den ersten Metern losgerissen. Also bin ich dazu übergegangen kleine Übungen, wie rückwärts, Hinterhand verschieben, Vorhand verschieben, Volten gehen auf allen Wegen mit einzubauen. Wenn er besonders brav war und mein Bauchgefühl das "OK" gibt wird er dann normal geführt.
  • Er wird aktuell frei gearbeitet um seine Kondition zu erhalten und seinen Gehorsam zu schulen
    Bei Freiarbeit kann man sich nicht losreißen. Er wird trainiert nach Innen zu wenden, die Gangart und Richtung stets beizubehalten und auf leiseste Signale die Gangart zu wechseln. Im Gegensatz zu der Meinung, dass er dann ja sein Ziel erreicht und ohne Strick laufen darf sehe ich es so, dass ich ihm die Möglichkeit nehme sich zu entziehen. Ich reduziere so die Verletzungsgefahr, da er nicht mit dem Strick und Halfter irgendwo hängen bleiben kann. Ich komme ohne Gewaltanwendung (andere Halfter, Gebisse, Führketten, etc.) oder sonstige Tricks aus und bin dennoch stets Herr der Lage.
  • Er wird traniert sich am kurzen Strick auf der Kreislinie zu stellen und zu biegen (Vorbereitung für das Longieren)
    Ich habe es getestet und es scheint erstmal zu funktionieren. Ich lasse ihn am sehr kurzen Seil 1-2 Runden Schritt um mich gehen, halte ihn dann an um zu loben. Nase zu mir und Schulter raus. Das hat gut funktioniert. Ich bin jetzt beim zweiten Schritt. Das heißt loslaufen mit Stellung. Nach einer Runde darf er sich am weiterhin kurzen Seil gerade stellen, um dann nach wenigen Schritten wieder die Stellung zu fordern. Das klappte erstmal ganz gut. Was auch schon funktioniert ist das Antraben in Stellung. Das erfordert enorm Kraft, aber Finn schafft es oft sogar für 2-3 Trabtritte. Das Ziel ist Finn daran zu gewöhnen, gestellt zu laufen, so dass er es schon aus Gewohnheit so tut und nicht mehr auf die Idee kommt sich loszureißen. Um sich loszureißen muss er die Schulter nach innen und den Kopf nach außen nehmen.

Weitere Übungen, um eine fundierte Basis zu schaffen sind williges Rückwärts, Führen in unterschiedlichen Geschwindigkeiten, Hinterhand und Vorhand verschieben, sowie die ersten Schritten unterm Sattel.
Im Umgang bin ich sehr streng mit ihm, er darf sich nicht an mir scheuern, nicht an mir herumknabbern, wenn er mit fiesem Gesichtsausdruck auf mich zukommt wird er weggeschickt, ebenso werde ich überaus deutlich, wenn er mich oder meine Hilfen ignoriert.
Alle Maßnahmen sind dafür da, dass er mich als Führungsperson (im wahrsten Sinne des Wortes) akzeptiert und ich ihm immer mehr Freiheiten einräumen kann, wie gemeinsame Spaziergänge, Ausritte, Kursbesuche und ähnliches.
 
Was das alles nun auf Dauer bringt könnt ihr hier regelmäßig nachlesen 🙂

Stichworte


    • Guten Morgen Sonja,
      Finn reisst sich mittlerweile nur noch in für ihn extrem schwierigen Situationen los. Das passiert vielleicht noch 1-2 Mal im Jahr. Du hast natürlich recht, dass ich mal ein Update posten sollte 😉 Ich habe seine Ausbildung nach der Horsemanship Philosophie geduldig weitergeführt und die Punkte in dem Plan selbst befolgt. Auf die Art und Weise habe ich immer mehr Vertrauen und Respekt von ihm bekommen. Mittlerweile arbeitet seine Besitzerin wieder selbst mit ihm und auch bei ihr passiert es nur noch selten. Wenn du magst kannst du mir gerne eine E-Mail schicken, was momentan bei euch das Problem ist.
      Viele Grüße Daniela

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